Vor jeder Wahl ist die Sorge vor Desinformationskampagnen groß. Dahinter steht die Annahme, dass in- wie ausländische Akteure versuchen, Menschen gezielt in ihrer Wahlentscheidung zu beeinflussen. Insbesondere in den sozialen Medien würden Bürger:innen mit Falschinformationen überflutet, was sich dann auf ihre politische Überzeugung und letztlich auf den Wahlausgang auswirke. Auch im Vorfeld der jüngsten Bundestagswahl gab es etliche solcher Warnungen.
Doch wenige Tage vor der Wahl gaben Forschende in einer Online-Veranstaltung des Science Media Centers in Teilen Entwarnung. Zwar habe es auch in diesem Wahlkampf erneut zahlreiche Versuche der Einflussnahme gegeben. Deren Wirkung sei jedoch begrenzt gewesen, so der Tenor. Gestützt wird dieses Fazit von einer umfangreichen Studie des Observatory on Information and Democracy, die bereits im Dezember vergangenen Jahres erschien und Ende Januar in Berlin vorgestellt wurde. Auch sie stellt gängige Annahmen über den Einfluss von Desinformationen infrage.
Demnach lässt sich kein klarer Zusammenhang zwischen der Verbreitung von Desinformation und dem Ausgang von Wahlen nachweisen. Ein entsprechender wissenschaftlicher Nachweis sei schon deshalb schwierig, weil die Tech-Konzerne die dafür erforderlichen Daten nicht herausgäben.
Dass dennoch immer wieder eindringlich vor Desinformation gewarnt wird, könnte aus Sicht der Studien-Autor:innen negative Auswirkungen haben, weil so das Misstrauen in der Gesellschaft geschürt werde.
Unzureichende Datengrundlage
Für die Meta-Studie werteten die Forschenden mehr als 2700 internationale Studien aus den vergangenen fünf Jahren aus. Das überraschende Ergebnis lautet, dass ein unmittelbarer Einfluss von Desinformation auf demokratische Prozesse nicht empirisch nachgewiesen werden kann.
Es sei kaum möglich, so die Autor:innen der Studie, einen wissenschaftlichen Nachweis für den Zusammenhang zwischen der Verbreitung von Desinformation, einer zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung und der politischen Beteiligung zu erbringen. So sei es überaus kompliziert, die menschliche Entscheidungsfindung zu simulieren. Außerdem geben die großen Tech-Konzerne kaum Daten heraus, die Forschende für entsprechende Untersuchungen benötigten.
„Man kann nicht behaupten, dass Desinformation einen substanziellen Einfluss auf individuelle oder gesellschaftliche Meinungsbildungsprozesse hat, ohne dies nachweisen zu können“, sagt Matthias C. Kettemann, einer der Studien-Autor:innen, „Und wenn man es nicht nachweisen kann, sollte man es auch nicht behaupten.“ Aus Sicht von Kettemann befindet sich die Desinformationsforschung daher auch „in einer Krise“.
Warnungen vor Desinformation haben negative Folgen
Eines lässt sich aus Sicht der Forschenden jedoch mit relativer Gewissheit feststellen: Wird zu viel vor Desinformationen gewarnt, kann dies Misstrauen gegenüber jeder Art von Informationen schüren.
„Einige Untersuchungen finden keine direkten Auswirkungen von Fehl- und Desinformation auf die politische Polarisierung oder das Wahlverhalten. Andere wiederum zeigen […] den geradezu gegenteiligen Effekt, wonach Bemühungen, das Bewusstsein für Fehl- und Desinformation zu schärfen, zu Misstrauen gegenüber seriösen Informationen führt.“
Die Forschenden plädieren für eine sachlichere Auseinandersetzung mit dem Thema. Sie fordern, sich stärker auf demokratische Willensbildung und den sozialen Zusammenhalt zu konzentrieren. „Wir würden empfehlen, etwas distanzierter über Desinformation zu berichten, ohne infrage zu stellen, dass es Desinformation gibt“, sagt Kettemann.
Außerdem weisen die Studien-Autor:innen darauf hin, dass die Tech-Konzerne die Nutzer:innendaten kontrollierten und damit auch das Wissen. Sie fordern strengere Regeln, um diese Macht zu begrenzen.
Die Warnungen legitimieren im Grunde dann Zensur… Bzw erklären die Wähler für zu doof um z.B. Russenpropaganda als solche zu erkennen. Der Bürger, der Wähler als Infantiles Kind das vor bösen Informationen beschützt werden muss. Diese Haltung sehe ich als mindestens genau so gefährlich wie die Fake News selbst an.
Aber nur weil ich als Anti Faschist die Fake News der AfD Lesen kann heißt das ja noch lange nicht das ich die deswegen plötzlich gut finden würde. Im Gegenteil.
> Plattformen wie TikTok und Elon Musks X sind anfällig für das Verbreiten von Desinformationen, aber nicht in erster Linie, weil die Plattformmacher*innen Desinformation toll finden. Sie haben einfach ihre Algorithmen darauf trainiert, was ihnen Geld bringt.
(aus dem verlinkten[0] Interview)
Das mag in erster Näherung bzw. bis vor einigen Jahren stimmen, aber spätestens mit der Übernahme von Twitter durch Musk wurden dort mindestens dessen eigene Tweets systematisch bevorzugt [1][2].
[0] https://www.wissenschaftskommunikation.de/wir-muessen-nicht-den-abgesang-auf-die-demokratie-anstimmen-82841
[1] https://www.theguardian.com/technology/2023/feb/15/elon-musk-changes-twitter-algorithm-super-bowl-slump-report
[2] https://en.wikipedia.org/wiki/Twitter_under_Elon_Musk#Promotion_of_Elon_Musk's_tweets
Es geht ja auch nicht um Desinformation, sondern um digitale Einflussnahme. Blaue AfD Herzen massenhaft im Netz zu verteilen ist keine Desinformation, wohl aber der Propaganda.
Das Problem ist aber viel größer. Mittlerweile sind weite Teile unserer Politik und Medienlandschaft so sehr auf das von Rechts gestreute Narrativ von der „Gefahr durch Migranten“[3] aufgesprungen, dass diese Form der Desinformation völlig in der öffentlichen Meinung(smache) angekommen ist.
„Das Thema Migration wird darauf reduziert, dass es Menschen gibt, die man für ein Sicherheitsrisiko hält.“ [4]
Die bis 2017 bestehende Grundregel des Pressekodex, dass »in der Berichterstattung über Straftaten die Zugehörigkeit […] zu […] Minderheiten nur dann erwähnt wird, wenn […] ein begründbarer Sachbezug besteht«, wurde auf Druck von AfD und Teilen der CSU aufgehoben und lautet nun: »In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt“. Wie schlecht das funktioniert, kann man jeden Tag in den Nachrichten beobachten. [6] So auch beim Attentäter aus Magdeburg, wo es den rechten Kräften quasi unhinterfragt gelang, einen *rechtsterroristischen* Anschlag rassistisch umzudeuten. [5]
Wenn das alles keine Desinformation ist, was dann? Und wer kann bei 20% für die AfD behaupten, diese habe keine relevanten Auswirkungen?
[3] https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/migration-friedrich-merz-faellt-auf-den-psychotrick-der-afd-herein-a-f76a4721-bc6f-4a5e-aff8-845eaa45c058
[4] https://uebermedien.de/102671/warum-berichten-medien-nur-dann-ueber-migration-wenn-etwas-schlimmes-passiert/
[5] https://publik.verdi.de/ausgabe-202501/dieser-anschlag-sitzt-tief/
[6] https://uebermedien.de/102665/warum-dann-doch-alle-ueber-die-herkunft-des-mutmasslichen-taeters-berichten/
Um es mal ganz einfach zu sagen:
Die Menschen wählen doch nicht die AfD, weil sie gut informiert über deren Forderungen und Ziele sind, und der ehrlichen Meinung sind, man solle Superreiche weniger besteuern und dafür den Mindestlohn abschaffen.
Sondern weil aus allen Rohren die Desinformation vom „Messermann“ (AfD, CDU), vom „woken mind-virus“ (Trump, Musk) feuert; und die Elitenpartei AfD sich als Partei des „kleinen Mannes“ tarnt (wovon sie nicht weiter entfernt sein könnte). Das tut sie auf den kommerziellen sozialen Medien, wo sie massiv bevorteilt wird [1], aber nicht weniger in den klassischen Medien, wo man ihre Sprechzettel ungefiltert übernimmt.
Werden diese Effekte von den Autoren aus dem Begriff „Desinformation“ ausgeklammert? Wenn ja, mit welcher Begründung? Ich würde mir hier einen reflektierteren mit der Studie und den Aussagen von Prof. Kettemann wünschen.
[1] https://www.lmu.de/de/die-lmu/struktur/zentrale-universitaetsverwaltung/kommunikation-und-presse/press-room/pressemitteilung/wie-der-meta-algorithmus-wahlwerbung-beeinflusst.html
Wie kommt dann die Diskrepanz zustande, dass Desinformation offensichtlich Einfluss auf viele Menschen hat?
Man sieht das an vielen Ecken und Enden, wo menschen zwar ehrenwerte Gefühle oder Befürchtungen bzgl. des Ukrainekrieges haben, aber irgendwie zu einem hohen Prozentsatz schaffen, Russische Propagandapositionen mit einzuflicken.
Dann guckt man in die USA. Glaubt irgendwer, dass das einach nur eine Spasskampagne ist, was da gerade passiert? Das Maß an Desinformation ist hoch, und die Machtergreifenden führen dieses konstant durch. Man sollte das nicht zu naiv sehen.
Entsprechendes sieht man auch in Befragungen zu Wahlen, also Stimmungsbildern. Vielleicht haben die Forschenden übersehen, dass das politische Geschäft auch aus einem nicht zu verachtenden Anteil aus Desinformation besteht? Ist man da zu naiv rangegangen, im Sinne von „wohlwollender Interpretation als Fakt“?
Dies wirkt wie ein über spezifisches Dementi. „Das überraschende Ergebnis lautet, dass ein unmittelbarer Einfluss von Desinformation auf demokratische Prozesse nicht empirisch nachgewiesen werden kann.“
Allerdings ist es doch sehr deutlich, dass beispielsweise die christliche Desinformationskampagne dazu geführt hat, dass Menschen gegen die Homoehe und Abtreibung gestimmt haben.
Auch die neoliberale Desinformation – wonach jeder individuell handeln soll und nicht im Sinne der Gemeinschaft – beeinflusst immer wieder Wahlentscheidungen.
Die Studie macht deutlich, dass kurzfristige, direkte Effekte von Desinformation auf das Wahlverhalten nur schwer zu isolieren sind. Das macht Desinformation nicht weniger problematisch, nur halt weniger interessant Forschungsgelder dafür auszugeben.
Im Originalartikel wird stark auf Social Media und die Idee einer Gefährdung der Demokratie eingegangen. Mit Blick auf die letzte Wahl erscheint es verwegen zu behaupten, dass die Kampagnen um den „Heizhammers“ oder die Asyl- und Abschiebungsdiskurse – ebenso wie die Vorstellung des „faulen Bürgergeldsempfängers (Totalverweigerer)“ – keinerlei Einfluss gehabt hätten.